Düsseldorfer Meisterfeier: 70 Jahre Jungmeister im Handwerk

Meisterfeier der Handwerkskammer Düsseldorf:Düsseldorfer Meisterfeier: 70 Jahre Jungmeister im Handwerk

Seit 70 Jahren werden Jungmeister im Handwerk in Düsseldorf groß gefeiert. Der Präsident der HWK, Andreas Ehlert, im Gespräch.

70 Jahre Meisterfeier: Wie haben sich die Bedingungen für Meister in den vergangenen Jahrzehnten verändert?

Ehlert: In der Fortbildung ist der einstige Fokus auf fachpraktisches Können und die zugehörige Fachkunde im Laufe mehrerer Anpassungsrunden des Berufsbildungsrechts um vertiefte betriebswirtschaftliche und berufspädagogische Kenntnisse erweitert worden. Andere Veränderungen betreffen den Markt und sind weniger erfreulich: Auf den Tätigkeitsfeldern des Meisterhandwerks haben sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder Unbefugte getummelt: Baumärkte, die auch ohne ausreichende Fach- und Beratungskompetenz so viel wie möglich vom handwerklichen Angebotsspektrum abschöpfen wollten; Plattformbetreiber, die sich bei der Vermakelung handwerklicher Leistungen nicht um das Qualifikationserfordernis scheren; Stadtwerke und digitale Wirtschaftskonzerne, die in das Wartungs- und Reparaturgeschäft im Gebäude drängen. Das qualifizierte Handwerk hat sich allerdings bislang stets behaupten können.

Wie hat sich die Bedeutung der Qualifikation als Handwerksmeister und wie hat sich deren Akzeptanz verändert?

Ehlert: Meister genießen unverändert hohe Wertschätzung in der Bevölkerung, erzielen regelmäßig Spitzenwerte bei den Abfragen nach den vertrauenswürdigsten Berufen. Das Bewusstsein vom besonderen beruflichen Qualifizierungsweg des Wissens und Könnens im Handwerk über die Lehre zum Fachgesellen und zum Meister ist in der breiten Öffentlichkeit, auch in der Politik, dagegen tendenziell heute schwächer ausgeprägt als vor siebzig Jahren. Der „Akademisierungswahn“ hatte die Bildungspolitik lange Zeit im Griff. Nur so ist erklärbar, dass eine Bundesregierung vor mehr als 15 Jahren mehr als die Hälfte der Handwerksberufe schwächen konnte, indem sie die unternehmerische Selbstständigkeit in diesen Professionen an keinerlei qualifikatorische Voraussetzung mehr band. Heute besinnt sich die politische Klasse wieder stärker auf die Bedeutung des Handwerks und erkennt angesichts der Verwerfungen einer globalisierten Wirtschaft, dass die Meisterausbildung im Handwerk unverzichtbar ist für die Fachkräfte-Ausbildung und – beschäftigung, für wirtschaftliches Wachstum und für das Miteinander in unserer Zivilgesellschaft; und dass die duale Ausbildung in den Meisterbetrieben qualifizierte junge Menschen hervorbringt, die Autoren ihres eigenen Lebens sind und Arbeitslosigkeit kaum fürchten müssen.

Handwerkskammer Düsseldorf

Warum sollten sich junge Menschen mit Abitur für das Handwerk und gegen ein Studium an einer Hochschule entscheiden?

Ehlert: Weil Aufstiegsmöglichkeiten, Sinnhaftigkeit des Tuns und Berufszufriedenheit im Handwerk besonders ausgeprägt sind. Zehntausend Unternehmen alleine in unserem Kammerbezirk sind in den nächsten fünf Jahren auf Nachfolger-Suche. Besser waren die beruflichen Chancen, sein eigenes Ding machen zu können, für kaum eine andere Generation vorher. Und da die Managementaufgabe, Spezialisierung und Digitalisierung auch in unserem Wirtschaftsbereich komplexe neue Herausforderungen herstellt, stehen nicht nur besonders spannende Einsatzgebiete, sondern auch alle hochschulischen Qualifizierungs-Möglichkeiten dafür in dualem und sogar trialem Studium ergänzend und vertiefend parat, um sich zu rüsten. Das Handwerk ist mittlerweile der anschlussfähigste Wirtschaftssektor, was die Vielfalt und Kombinationsmöglichkeiten an berufspraktischen und theoretischen Qualifizierungsgängen betrifft.

Festredner ist in diesem Jahr NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Was erwarten Sie von der Landesregierung für das Handwerk im Land?

Ehlert: Die Landesregierung ist auf dem richtigen Kurs, wenn sie die berufliche Bildung stärkt und mittelständisches Unternehmertum ermutigt. Die Initiativen zum Bürokratieabbau - die sogenannten Entfesselungspakete - und die Erhöhung der investiven Mittel für die Bildungsinfrastruktur, die Einführung des Schulfachs Wirtschaft und das landesweite Azubi-Ticket begreift das Handwerk als Unterstützung. Dieser Weg muss allerdings konsequent weiter beschritten werden.

Was sind die größten Herausforderungen, denen sich das Handwerk in den kommenden Monaten und Jahren stellen muss?

Ehlert: Der Fachkräfte-Engpass hat sich zugespitzt und könnte sich zum Wachstums-Stopper verschärfen. Wir brauchen deshalb eine breite politische und gesellschaftliche Initiative, die mit verfestigten Vorstellungen bricht, dass allein eine akademische Laufbahn selig macht. Die eine Karriere auf Basis einer dualen Ausbildung als die erfüllende, vielleicht chancenträchtigste Perspektive darstellt, die sie ist. Eine andere Aufgabe besteht für das Handwerk darin, die Chancen der fortschreitenden Datenautomatisierung für effektivere Abläufe, intensiveres Zusammenwirken mit dem Kunden und neue, aus dem Potenzial von 3-D-Druck, Drohne oder KI abgeleitete Produkte und Services zu nutzen. Das Handwerk kann digital, und ist in vielen Branchen wie den Gesundheitshandwerken und der Elektro- und Informationstechnik sogar Vorreiter. Unsere Aufgabe ist, alle Betriebe mit solchen 4.0-Technologien in Berührung zu bringen, in Workshops und Laborräumen für Experimente.

Was tut die Handwerkskammer hier, um das Handwerk mit Fachkräften weiter zu versorgen?

Ehlert: Es war die Handwerkskammer Düsseldorf, die vor zehn Jahren die Initiative für eine Imagekampagne – die bundesweit einzige eines gesamten Wirtschaftssektors - ergriffen hat. Sie wird fortgesetzt, ihre Kernbotschaft „Bei uns kommt es nicht darauf an, wo man herkommt, sondern wo man hinwill“ wird auch in den kommenden fünf Jahren variantenreich immer wieder neu zu erleben sein. Und um vermehrt auch Gymnasiasten und Studienzweifler ins Handwerk ziehen, haben wir unsere Beratungskapazität ausgebaut und Schuleinsätze hochgefahren. Mit einigem Erfolg: Mehr als jeder fünfte Auszubildende kommt heute bereits mit einem weiterführenden Schulabschluss in der Tasche zu uns.

Wie ist die Integration junger Flüchtlingen ins Handwerk bislang in Düsseldorf und der Region gelungen?

Ehlert: Ich behaupte, das Handwerk ist generell der Wirtschaftsbereich, der für soziale Integration durch und in Ausbildung steht. Jeder fünfte neugebundene Lehrling war im vergangenen Jahr ein Migrant aus Kriegs- und Krisengebieten. Ich bin stolz auch auf diese Leistung unserer Unternehmen.